Generationswelten unter einem Dach: Wenn die Kernfamilie zur Belastung wird
Erwachsene Kinder, zwei Ehen, alte Wunden. Und ein Elefant im Raum.
Was Familien in diesem Muster erleben
Heinz und Maria sind Nachkriegskinder. Heinz kennt Entbehrung, Leid und den Kampf ums Überleben. Diese Erfahrungen prägen ihn nachhaltig, und eine Therapie stand damals nicht auf dem Plan. Er erzählt sehr sachlich davon. Für junge Generationen, die sich beschweren und mit ihrem Leben unzufrieden sind, hat er kein Verständnis: Sie sollen sich zusammenreißen. Für ihn zählt nur Leistung, und wer sie nicht bringt, ist wertlos. Er bezieht sich immer auf das, was er selbst erreicht hat. Er steht um 6 Uhr auf und macht Frühsport bis an die Schmerzgrenze, „körperliche Ertüchtigung" nennt er es. Ein Volleyballturnier ist für ihn kein Spaß, sondern ein Zeugnis von Leistung. Wird nicht gewonnen, ist er missmutig und lässt seine Laune an anderen aus. Mit ihm in einer Mannschaft zu spielen macht keinen Spaß.
Maria wuchs mit drei Geschwistern, einer alleinerziehenden Mutter und einem Vater auf, der seine Versprechen nicht hielt. Sie ist eine begnadete Künstlerin. Wenn sie malt, erwachen ihre Figuren zum Leben. Doch sie fügt sich Heinz' Anspruch, macht eine Zusatzausbildung und übernimmt eine Stellung im öffentlichen Dienst. War sie glücklich damit?
Heinz' erste Ehe war belastet. Maria lebte damals mit Erwin und drei Kindern. Heinz und Maria verlieben sich, und die Welt dreht sich nur noch um die beiden. Maria verlässt Erwin und die Familie. Die beiden bauen sich eine neue Existenz auf, und ein weiteres Kind, Martin, wächst zwischen einer einfühlsamen Mutter und einem wenig einfühlsamen Vater auf.
Zwei der drei älteren Kinder ziehen mit zu Maria und Heinz. Sie leben im Haushalt, werden aber nicht wirklich als Familie behandelt. Sie passen auf Martin auf, doch eine liebevolle Beziehung zu ihm wird nicht gefördert. Aus Martins Sicht wächst er daher wie ein Einzelkind auf. Das jüngste der drei Kinder, Kind 3, bleibt bei Erwin. Schon mit neun Jahren steht Kind 3 dessen emotionalen Entgleisungen hilflos gegenüber. Als Erwin eine neue Partnerin findet, die 30 Jahre jünger ist, ist für Kind 3 kein Platz mehr in seinem Leben.
Kind 3 wird aus allen Richtungen als schwierig und renitent bewertet. In der Schule gilt Kind 3 als gescheitert, die Leistung reicht nicht, und Kind 3 wird von einem Therapeuten zum nächsten gebracht. Am Ende fängt sich Kind 3 nur durch viel Eigeninitiative. Heute sind alle Eltern verstorben. Kind 3 hat keinen Kontakt zur Stiefmutter und wenig Kontakt zu den Geschwistern und Halbbrüdern.
Das Haus und der Elefant im Raum
Stell dir die Familie als Haus vor. Das Dach ist hier die Verbindung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern aus zwei Ehen, jeder mit eigener Familie. Unter diesem Dach tauchen immer wieder dieselben Differenzen auf. Im Keller liegt, was nie angeschaut wurde: Krieg, Verlust, Schweigen.
Unter diesem Dach gilt Leistung als Währung. Der Keller ist alles, was nicht leistungsfähig sein durfte: Gefühle, Schwäche, Spiel. Dort liegt auch, was Maria einmal ausgemacht hat: ihre Kunst.
Der Elefant im Raum ist die Vergangenheit und das Verhalten beider Elternteile. Sie prägen Kind 3 maßgeblich. Im Leben von Kind 3 fehlen Struktur, Verantwortung, Zuverlässigkeit und Unterstützung. Niemand in dieser Generation hatte damals den Raum, an sich zu arbeiten.
Wie ein Weg aussehen kann
Eine Lösung verrate ich hier nicht, denn sie sieht bei jedem Menschen anders aus. Loslassen zu wollen ist unglaublich anstrengend. Dazu müsste das Gehirn Vergangenes löschen können, und das kann es nicht. Kind 3 will etwas lernen: mit der Vergangenheit abzuschließen. Nicht, indem sie vergessen oder losgelassen wird, sondern indem Kind 3 durch Fokusarbeit lernt, diesen Gegebenheiten nicht mehr so viel Raum zu geben, und stattdessen mehr Selbstreflexion in positiver Bestärkung übt.
In der Beratung haben wir dafür das Profil von Kind 3 erstellt und mit der PCM-Landkarte an den primären psychischen Bedürfnissen gearbeitet. Viele Fragen von Kind 3 haben dabei Antworten gefunden. Kind 3 hat angefangen, sich den eigenen Bedürfnissen zu stellen, sich zu zentrieren und sich mit dem Balance-Modell im PCM zu stabilisieren. Und Kind 3 hat verstanden, dass sich Bedürfnisse nicht im Außen erfüllen lassen, sondern im Innen.
Solche Themen im Beziehungsdolmetscher Club
Familienmuster über Generationen tauchen nicht nur bei Paaren auf, sondern in jeder Beziehung. Genau darüber sprechen wir im Beziehungsdolmetscher Club: mit Impulsvorträgen, Fallbeispielen, Arbeitsblättern und Live-Sessions. Du kannst den Club bei einer ersten Live-Session am 5. November kennenlernen.
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